Souveränität, Wettbewerbsfähigkeit und die deutsch-französisch-österreichische Dynamik – von industriellen Herausforderungen zum Kern der europäischen Strategie
Die Industrie muss ein zentraler Indikator für die wirtschaftliche und strategische Stärke der Europäischen Union sein. Nach der Gesundheitskrise, dem Energieschock und der Zunahme geopolitischer Rivalitäten geht es nicht mehr nur um die Frage der Kostenwettbewerbsfähigkeit, sondern um die Fähigkeit Europas, ein Raum der Produktion, Innovation und technologischen Kompetenz zu bleiben. Wie der französische Präsident Emmanuel Macron in seiner Rede über Europa an der Sorbonne am 24. April 2024 betonte, „entscheidet sich jetzt, ob Europa eine Innovations-, Forschungs- und Produktionsmacht sein wird“. Die Industrie ist somit entscheidend für die technologische, energetische und digitale Souveränität des Kontinents.
Diese strategische Wende ist Teil der großen Projekte, die auf europäischer Ebene in Angriff genommen wurden. Die neue Europäische Kommission hat die Wettbewerbsfähigkeit in den Mittelpunkt ihrer Agenda gestellt, mit besonderem Schwerpunkt auf der Vereinfachung der Rechtsvorschriften, der Mobilisierung privater Finanzmittel und der Vertiefung des Binnenmarktes. Der von Mario Draghi* im Jahr 2024 vorgelegte Bericht über die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit kam zu einem klaren Ergebnis: Die Union leidet unter einem Investitionsdefizit, einer wachsenden Innovationslücke gegenüber den Vereinigten Staaten und einer anhaltenden Fragmentierung ihrer Finanzmärkte. Er plädiert für einen koordinierten Investitionsschub, eine klare Industriestrategie in kritischen Sektoren und eine bessere Verzahnung von Handels- und Industriepolitik.
Auf der Grundlage dieser Diagnose wurden bereits mehrere europäische Initiativen auf den Weg gebracht: Verordnung über kritische Rohstoffe, Förderung von Halbleitern und Batterien, CO2-Grenzausgleichsmechanismus, Strategie für eine kohlenstoffarme Industrie. Das Ziel ist klar: Der Klimawandel soll die europäische Produktionsbasis stärken und zu einem Hebel für die industrielle Modernisierung werden. Es geht nicht darum, sich zwischen Industrie und Klima zu entscheiden, sondern die Dekarbonisierung zu einem Faktor für Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen zu machen.
Die nächsten europäischen Termine werden entscheidend sein, insbesondere die Umsetzung der Empfehlungen des Draghi-Berichts, die Diskussion über gemeinsame Finanzinstrumente und die Festlegung der industriellen Prioritäten der neuen Kommission. Sie müssen es ermöglichen, eine kohärente Industriepolitik zu konsolidieren, die in der Lage ist, die Widerstandsfähigkeit der Wertschöpfungsketten zu stärken, disruptive Technologien zu unterstützen und die Produktionsbasis des Kontinents zu erhalten.

Bild erstellt mit Hilfe von KI (OpenAI) Die französisch-österreichische Zusammenarbeit als Motor der europäischen Industrie: Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind vorbildlich, verdeutlichen die Chancen und die Innovationskraft und legen den Grundstein für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum
Die Industriepolitik ist kein Tabu mehr: Sie ist zu einem anerkannten Hebel für Souveränität und Wohlstand geworden.
Außergewöhnlich intensive französisch-österreichische Industriebeziehungen
Die Industriebeziehungen zwischen Frankreich und Österreich veranschaulichen die Vitalität des europäischen Handels. Frankreich ist der achtgrößte Investor in Österreich: Der Bestand an französischen Direktinvestitionen belief sich dort im Jahr 2024 auf 5 Milliarden Euro. Es gibt 289 Tochtergesellschaften französischer Unternehmen, die rund 29.000 Mitarbeiter beschäftigen und einen Gesamtumsatz von 10,5 Milliarden Euro erzielen.
Die Einweihung der industriellen Recyclinganlage von Saint-Gobain in Stockerau nördlich von Wien im Jahr 2025 in Zusammenarbeit mit den österreichischen Unternehmen PORR und Saubermacher ist ein symbolträchtiges Beispiel für die Zusammenarbeit im Dienste der Kreislaufwirtschaft.
Ein weiteres Beispiel für die Dynamik der französischen Präsenz in Österreich ist der Verein French Startups Vienna, der eine dynamische französisch-österreichische Unternehmergemeinschaft im Technologiebereich zusammenbringt. Er bewirbt sich um das Label „French Tech” im Jahr 2026.
Die österreichische Präsenz in Frankreich ist ebenfalls bedeutend. Laut INSEE sind 160 Unternehmen aus Österreich in Frankreich ansässig und beschäftigen 13.120 Mitarbeiter. Im Jahr 2025 wurden 22 neue österreichische Investitionsprojekte registriert. Der Energie- und Recyclingsektor konzentriert 27 % der Projekte und 29 % der Arbeitsplätze, während das Baugewerbe und die Lebensmittelindustrie jeweils 14 % der Projekte ausmachen.
Diese Dynamik ist Teil eines besonders günstigen Umfelds. Frankreich bietet weitgehend CO2-freien Strom, eine erstklassige Logistikinfrastruktur, ein anerkanntes Ingenieurs- und Forschungsökosystem sowie attraktive Finanzinstrumente für Innovation und grüne Industrie.
Diese Vorteile erklären, warum Frankreich laut dem EY-Barometer zur Attraktivität 2025 auch 2024 seinen Platz als führendes europäisches Ziel für ausländische Direktinvestitionen, insbesondere für Industrie- und F&E-Projekte, behalten hat. Damit bestätigt es seine Fähigkeit, produktive Investitionen anzuziehen, die Arbeitsplätze schaffen und mit den Prioritäten des europäischen Wandels und der Wettbewerbsfähigkeit im Einklang stehen.
Der französisch-österreichische Dialog veranschaulicht auf bemerkenswerte Weise, wie die europäische Industrieintegration sektorale Komplementarität, ökologischen Wandel und internationale Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbinden kann.
The Draghi report on EU competitiveness
*Mario Draghi, ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank, wurde 2023 von der EU-Kommission beauftragt, einen Bericht zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit zu erstellen. Angesichts schwacher Produktivität, demografischer Herausforderungen, steigender Energiepreise und globaler Konkurrenz analysiert der Bericht die Belastungen für Industrie und Unternehmen im Binnenmarkt. Zugleich zeigt er auf, dass die grüne und digitale Transformation neue Investitionen und Innovationen erfordert, und formuliert konkrete Empfehlungen, wie Europa nachhaltiges Wachstum und eine zukunftsfähige Wirtschaft sichern kann.
Kontakt:
Ambassade de France en Autriche
Französische Botschaft in Österreich
Technikerstraße 2, A-1040 Wien

